„Wir treffen Annahmen, wie wir unser Leben sehen wollen“ – Pfarrer Olaf Börnert

Von Michael Drechsler

Die Kirche in Klotzsche… nein, nicht ein bestimmtes Bauwerk, sondern die Institution. Sie ist in Klotzsche doch sehr allgegenwärtig, selbst für mich.

Ich bin Atheist. Schon immer und aus Überzeugung. Na ja, zumindest seit ich erwachsen bin. Dennoch – Kirche und Glauben sind für mich keine „Nichtexistenzen“. Mich interessiert, worin Glaube besteht. Was bedeutet Religion in einer Zeit, in der alles kalkulierbar zu sein scheint, in der, wie Zeitgenossen behaupten oder befürchten, letztendlich Algorithmen unser Leben bestimmen?

Petra Schweizer-Strobel und ich sind mit Olaf Börnert, Jahrgang 73, verabredet. Er ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Dresden-Klotzsche. Und somit „vom Fach“. Wir sitzen in seinem Pfarramt und er ist bereit, sich ausfragen zu lassen. Von mir, einem „Heiden“.

Foto: Petra Schweizer-Strobel

Wer ist der Mann, der die Geschicke der evangelischen Gemeinde in Klotzsche lenkt? Wie denkt er über seinen Glauben, die Rolle „seiner“ Kirche?

Mein erster Eindruck: Hier sitzt mir kein Dogmatiker gegenüber. Sondern ein Mensch, der im Leben steht und auch seine Irrwege und Schwierigkeiten kennt.

„Die Entscheidung, als Christ zu leben, ist sehr persönlich!“. Dieser Satz ist prägend für das Gespräch. Er missioniert nicht, er erklärt. Dabei war sein Weg zum Pfarrer nicht vorherbestimmt. Olaf Börnert stammt aus Bernsdorf, einer Kleinstadt zwischen Kamenz und Hoyerswerda. Sicher, er engagierte sich bereits seit seiner Jugend in der Kirche, hatte einen ganz guten Draht zum Pfarrer in seiner Heimatgemeinde. Ob ihm der Glaube auch von seinen Eltern vermittelt wurde, möchte ich wissen.

Dazu Olaf Börnert: „Das ja, schon. Aber als Berufswunsch hatte ich die Theologie gar nicht im Blick. Ich habe zunächst Gärtner gelernt. Meine Eltern hatten eine Baumschule und ich war sozusagen der Kronprinz. Ich sollte das einmal übernehmen. Aber davor hat mich die Wende gerettet. Die kam für mich rechtzeitig. 1989 war ich sechzehn und plötzlich hat sich für mich nochmal alles geöffnet. Ich habe die Berufsausbildung beendet und konnte dann Abitur machen. Vorher wollte ich das gar nicht und wahrscheinlich hätte ich bei meiner familiären Vorprägung gar nicht zur EOS gehen dürfen. Ich habe es also nachgeholt und Gefallen daran gefunden, noch weiter zu machen. Irgendwann stand ich vor der Entscheidung, entweder Theologie oder Landschaftspflege zu studieren. Das eine habe ich gekriegt, das andere nicht – und so sind die Würfel gefallen.“

Manches im Leben ist also schlicht Zufall… Auch als Opposition zum Staat sah er sich nicht, war Mitglied in der FDJ, wobei er auf Ratschlag seiner Eltern darauf achtgab, sich nicht übermäßig zu exponieren. Dienst an der Waffe kam für ihn in der DDR nicht in Frage, er wäre Bausoldat geworden. Auf meine diesbezügliche Frage hin überlegt er kurz und antwortet dann: „Ich hätte den Wehrdienst aus christlich-pazifistischer Überzeugung verweigert.“

Es folgte ein Theologiestudium in Berlin und eine erste Pfarrstelle in der sächsischen Schweiz, in Liebstadt.

„Vierzehn Dörfer, sieben Kirchtürme.“ Ein Handlungsreisender in Sachen Religion, so sieht er diese Zeit heute. Dann nach zehn Jahren der Wechsel nach Klotzsche. Wir kommen zum Kern, zu den Fragen, die mich eigentlich interessieren. Was ist Gott?

„Gott? Ich würde sagen, es ist eine Kraft, die mich im Inneren motiviert, die mich im Inneren prägt, und die mich manchmal in meinem Handeln, meinem Denken, meinem Fühlen bestimmt. Aber es ist nichts, was gegenständlich wird. Für mich ist es manchmal so ähnlich wie mit der Liebe zwischen Menschen. Ich gehe davon aus, dass meine Frau mich liebt, ich lebe so, als ob das so ist, nehme es an, mache meine Erfahrungen damit. Aber die Liebe ein für alle Mal sichtbar machen, sie beweisen, kann ich nicht, sondern ich kann nur darauf vertrauen: Es wird schon so sein, dass sie mich liebt. Dann mache ich meine Erfahrungen mit ihr. Und so sehe ich das auch mit dem Glauben. Und darum heißt es ja auch „Glauben“ und nicht „Wissen“, nicht „Sehen“ oder „dingfest machen“. Ich lebe mit der Hypothese „Gott“ und mache meine Erfahrungen.“ Kein schlechter Vergleich, denke ich. Und welche Rolle spielt die christliche Kirche im realen Leben. Was bestimmt sie, wie beeinflusst sie uns?

Christlicher Glaube habe eine kolossal lebensdienliche Ethik zu bieten, so Olaf Börnert. Er erwähnt den Gewaltverzicht, den Gedanken, dass man selbst nicht immer das Maß aller Dinge ist, sondern eben auch die anderen, mit denen wir zusammenleben. Aber auch: „Diese Sichtweise wird wahrscheinlich nicht von allen geteilt.“ Es gibt da wohl verschiedene Anspruchshaltungen.

Die einen sagen: „Wir müssen über alles die Kontrolle behalten“, die anderen: „Wir müssen alles nur begleiten, den Menschen, die das wünschen, eine Heimat geben.“

Unser Gegenüber meint dazu: „Ja, das sind die beiden Pole, zwischen denen sich das bewegt. Ich persönlich denke, die Entscheidung, als Christ zu leben, ist sehr persönlich. Die Existenzberechtigung der Kirche hängt nicht davon ab, ob wir gesellschaftlichen oder politischen Einfluss haben, ob wir jetzt die Mehrheit hinter uns wissen oder ob wir viele Mitglieder haben. Das ist eigentlich nicht das Anliegen der Kirche. Das Anliegen der Kirche ist das, was uns in der Bibel überliefert worden ist, was wir glauben, was uns wichtig ist, weiterzugeben. Was dann der Einzelne draus macht, entscheidet jeder für sich.“

Er ist sich sicher: „Wir Christen sind Teil der Welt mit ihren Zweideutigkeiten und Unentschiedenheiten!“

Das ist der Blick aufs Große und Ganze. Aber im Kleinen, im Gemeindefokus? Wie sieht er seine Gemeinde?

Vielleicht sei die Kirche in Klotzsche etwas zu selbstgenügsam, sinniert er. Man sei stolz auf das, was man hat und was man ist. Wenn er mit Neuzugezogenen ins Gespräch kommt, bei Taufen etwa, hört er immer wieder Bedauern, dass man als Außenstehender kein Fuß in die Tür bekäme.

„Die, die da sind, sind da, das ist gut, aber man hat jetzt nicht so das Bedürfnis, dass noch andere dazukommen könnten. Man könnte auch mal nach außen und auf andere zugehen. Aber ich habe das Gefühl, seit die Kirchgemeinde während der Ereignisse auf der Karl-Marx-Straße und den Auseinandersetzungen dort etwas mehr in die Öffentlichkeit getreten ist, ändert sich das ein wenig.“

Und das neue Gemeindezentrum, die „Alte Post“? Da wünscht sich Olaf Börnert, dass sie ein kultureller Satellit in Klotzsche werden möge. Eine Begegnungsstätte, die ausdrücklich auch Nichtmitgliedern offensteht. Es ist auch sein Wunsch, dass es mehr Vernetzungen und Kontakte in den Ort hinein gibt.

„Wer kommt, ist herzlich eingeladen, und wer nicht kommt… schade drum.“

Das gesamte Interview können Sie hier lesen.

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