Der Literaturnobelpreisträger Karl Gjellerup

von Petra Schweizer-Strobel

Karl Gjellerup? Wer soll denn das sein? Diese Frage stellt sich wohl jeder, der diesen ungewöhnlichen Namen zum ersten Mal hört oder liest. Selbst literaturinteressierten Klotzscherinnen und Klotzschern dürfte er wenig sagen, obgleich sein Träger 1917 den gefühlt wichtigsten und sicherlich auch bestdotiertesten (und in jüngster Zeit leider nicht unumstrittensten) Literaturpreis der Welt – den Nobelpreis für Literatur – erhalten hat. Von dem Preisgeld erwarb er die Villa Baldur auf der Goethestraße 11, doch bereits ein Jahr später starb er. Sein Grab auf dem Alten Friedhof in Klotzsche entwarf Woldemar Kandler, der Architekt der Christuskirche sowie vieler weiterer Klotzscher Gebäude.

Am 11. Oktober jährte sich sein Todestag nun bereits zum hundertsten Mal – für den Klotzscher Verein e.V. Anlass genug, diesen in Vergessenheit geratenen prominenten Klotzscher Bürger mit einem Festakt zu ehren, seiner zu gedenken und ihn wieder in unser Bewusstsein zu rücken. EIN Festakt? Nein! Genau genommen waren es drei.

Vereinsvorstand Dirk Lauterbach bei der Kranzniederlegung an Gjellerups Grab

Zum Auftakt trafen sich Vertreter des Klotzscher Vereins, der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Dresden-Klotzsche, der Friedhofsverwaltung sowie andere Interessierte um 15 Uhr zu einer Kranzniederlegung an Gjellerups Grab. Der monumentale Grabstein wurde in den letzten Monaten mit finanzieller Hilfe des Klotzscher Vereins und der Ostsächsischen Sparkasse saniert und der zur Grabanlage gehörende Vorplatz, der lange Jahre als Grablege für Urnenbeisetzungen gedient hat und den zuletzt nur schmuckloser Rasen zierte, von Friedhofsverwalter David Wegner frisch bepflanzt.

Im Anschluss traf sich die inzwischen deutlich angewachsene Gedenkgemeinde am Wohnhaus des Schriftstellers auf der Goethestraße. Dort wurde vom Vorstandsvorsitzenden des Klotzscher Vereins Dirk Lauterbach und dem beeindruckend literaturaffinen Kunstgießer Thomas Ihle eine Bronzetafel enthüllt, die an den Nobelpreisträger erinnern soll. Die Finanzierung der Tafel ermöglichte ein Antrag des Klotzscher Vereins über die neue Richtlinie der Landeshauptstadt Dresden über die Gewährung von Zuwendungen für stadtteilbezogene Vorhaben, der durch den Stadtbezirksbeirat bewilligt wurde.

Zum Abschluss der Feierlichkeiten lud der Klotzscher Verein schließlich in das Gemeindehaus Alte Post zu einem Vortrag der Klotzscher Lyrikerin Jayne-Ann Igel über Gjellerups Leben und Werk sowie einer Lesung aus seinen Tagebüchern und Werken, um allen Interessierten den noch immer nicht greifbaren Schriftsteller näherzubringen. Was hatte den dänischen Schriftsteller Gjellerup nach Dresden und Klotzsche verschlagen? Worüber schrieb er, was bewegte ihn? Wie und wo lässt er sich mit seinem Werk in der Literatur der damaligen Zeit verorten? Weshalb wurde er vergessen?

Leider konnte Kay Schultz, der sich in wochenlanger Fleißarbeit durch den in der SLUB archivierten Nachlass Gjellerups gearbeitet und die Textauswahl getroffen hat, die Lesung kurzfristig nicht selbst halten. Für ihn sprangen dankenswerterweise Marga Starke und Dirk Lauterbach ein. Vortrag und Lesung verschränkten und ergänzten sich und wurden von der Klotzscher Pianistin Renate Rosol stimmungsvoll umrahmt.

Für all diejenigen, die nicht dabei sein konnten, aber trotzdem mehr über Karl Gjellerup wissen möchten, hier der Festvortrag von Jayne-Ann Igel:

Festvortrag anlässlich des 100. Todestages von Karl Gjellerup

Karl Gjellerup, wer? Zum ersten Mal begegnete mir dieser hierzulande etwas ungewöhnliche Name in den Neunzigern auf einem der Streifzüge durch mein neues Wohnumfeld. Ich entdeckte sein etwas verwildertes Grab auf dem Alten Friedhof in Klotzsche, später stieß ich auf eine nach ihm benannte Straße. Doch wer ist dieser nahezu unbekannte Mann aus Dänemark, über den auf den Tafeln an Straße und Gedenkstein nur zu erfahren ist, im Kriegsjahr 1917 den Nobelpreis für Literatur empfangen zu haben? Dessen Verleihung an Karl Gjellerup begründete die Schwedische Akademie damit, er habe eine vielseitig reiche und von hohen Idealen getragene Dichtung hervorgebracht.

Ich vermag an dieser Stelle nur Schlaglichter auf Leben und Werk Gjellerups zu werfen, die bei der beobachtbaren Kontinuität in seinem Schaffen und seinen Positionen doch sehr komplex und wechselvoll erscheinen. Als wesentlich und richtungsweisend für seine gesamte Schaffenszeit sehe ich die Auseinandersetzung mit literarischen und kulturellen Strömungen, die am Anfang Gjellerups Dichter-Dasein stehen.  Auf diese möchte ich hauptsächlich eingehen.

Gjellerup geht aus einer literarischen Tradition hervor, die maßgeblich von deutschen Kultureinflüssen geprägt ist, er bekennt sich ausdrücklich dazu. Deutsche Literatur dominiert im 19. Jahrhundert den dänischen Buchmarkt, man rezipiert die Werke vornehmlich in der Originalsprache, schon Kloppstock wurde wie ein Messias verehrt, Adolf Wilhelm Schack von Staffeldt gilt als einer der Vermittler der Schlüsselbegriffe von Klassik und Romantik in Dänemark, als Deutscher und dänischer „Wahldichter“. Als weitere Mittler treten etwa Henrik Steffens (Jenaer Romantik, Schlegel, Tieck, Schelling), Adam Oehlenschläger (sogen. Radikalromantiker, mit Vorliebe für die Klassik) in Erscheinung. Aber am Anfang seiner literarischen Arbeit orientiert Gjellerup sich stark an einer avantgardistischen literarischen Strömung um den dänischen Autor Georg Brandes, die sich „Moderner Durchbruch“  (1870–90) nennt und für einen neuen Realismus mit naturalistischen Zügen steht, beeinflusst auch von Entwicklungen und Erkenntnissen moderner Wissenschaft. Darwins Erkenntnisse spielen in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle, wobei der daraus resultierende Darwinismus kein auf die dänische Kultur beschränktes Phänomen darstellt. Dieser Strömung um Brandes und Brandes selbst fühlt sich Gjellerup zunächst eng verbunden und verfasst sogar ein Requiem auf Darwin. Vom Anspruch her gemahnt die Bewegung etwa an die der Sezessionisten in der Bildenden Kunst im Frankreich des Fin de siecle, die man Impressionisten nennt, und ohnehin wird die Zeit davon geprägt, dass sich die künstlerischen Gattungen gegenseitig beeinflussen und miteinander in Verbindung treten.

Man muss wissen, dass es in Dänemark literarisch weder eine Klassik wie in Deutschland, verkörpert von Goethe, Schiller u.a., noch ein Äquivalent zum Sturm und Drang gegeben hat, hingegen eine Romantik, die sich eng an Goethe und Schiller, auch Heine, der sich als letzten Romantiker bezeichnete, anschloss und mit dem Begriff „Goldenes Zeitalter“ eine eigene Epoche in der dänischen Literatur bildete, die so in den anderen europäischen Literaturen nicht beobachtbar war. Eine spezifisch dänische Synthese von aufklärerischen, empfindsamen, idyllischen, klassischen und romantischen Traditionen. Doch Georg Brandes Bewegung verwirft diese an der deutschen Literatur sich orientierende Kulturtradition. Sie tritt nicht nur für einen neuen Realismus ein, sondern leistet einem stärkeren Bezug auf Traditionen französischer Literatur Vorschub, die nach Gjellerups Dafürhalten das Niveau senkt. So sieht sich Gjellerup rasch hinauskatapultiert aus der Bewegung. Verstärkt wird entsprechender Eindruck ob des in der Gruppe vorherrschenden Begriffs des Epigonentums, der dort als Kampfbegriff instrumentalisiert wird. Das kann Gjellerup nicht mittragen, denn so einfach stellt es sich für ihn nicht dar, den Rückbezug auf Traditionen pauschal als epigonal abzustempeln. Für Gjellerup ist sehr wohl das Eröffnen und Gewinnen neuer Perspektiven wichtig, doch diese entwickeln sich nicht aus dem Nichts. Für sein Schaffen bleiben das „Goldene Zeitalter“ und der Bezug auf die Antike substantiell.

Gjellerup löst sich also in den 80ern von dieser Bewegung, weil er sie als Widerspruch zu seinen eigenen idealistischen Ansätzen empfindet, aber auch in Bezug auf die romantisch-klassische Bildungstradition. Er versteht das Deutsch-Nationale als Mutterkultur, die von Brandes angeregte naturalistische dänische Literatur hingegen als Tochterkultur, die sich nun allerdings in falscher Richtung entwickelt habe. Er sieht einen generationspezifischen Konflikt zwischen klassisch-romantischer Bildungstradition und positiver Wissenschaft (wie etwa von Darwin verkörpert), den er explizit als einen interkulturellen Konflikt zwischen dänischer Gegenwartskultur und deutscher Kulturtradition deutet.

Generell ist er der Ansicht, dass die skandinavischen Kulturen von der deutschen profitieren, diese also eine Vorrangstellung einnimmt. G. versucht insbesondere mit dem Roman „Germanernes Laerling“ (1882, dt. „Ein Jünger der Germanen“) eine literarische Symbiose von Darwinismus und klassisch-romantischer Kulturtradition zu initiieren, empfindet das Ganze jedoch als Irrweg. Gjellerup sollte diese pro-deutsche Haltung sein ganzes Leben lang beibehalten, und offenbar war er auch der einzige dänische Dichter, dem es gelungen ist, die Sprache so zu erlernen, dass von einer Beherrschung dieser Sprache gesprochen werden kann. Von dänischer Seite hat man ihm die Deutschlandfreundlichkeit übelgenommen und ihn als Autor auch auszugrenzen versucht, es gipfelte in den Vorwurf des Hochverrats Ende der 90er. Auch Gjellerups Begeisterung für Bismarck (er besuchte ihn im Mai 1891) kommt in der Heimat nicht gut an, und ob seines dauerhaften Umzugs nach Dresden unterstellt man ihm, die dänische Sprache nicht mehr befruchten zu können, geschweige denn Eindrücke aus der Heimat sammeln zu können. Diese Ausgrenzung zeitigte Folgen bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, eine gerechte Neubetrachtung und Wertung der Autorschaft Gjellerups ist bis in die jüngste Vergangenheit ausgeblieben. Er gehört in Dänemark zu den vergessenen Autoren. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg aber auch in Deutschland, obwohl dort seine Werke noch in den 20er Jahren hohe Auflagen erlebten, er ein hohes Ansehen als dänischer wie deutscher Autor genossen hat. Er teilt damit das Schicksal vieler Autoren des Fin-de-siecle, deren Werke an Aktualität eingebüßt haben. 

Wie haben sich Zeitgenossen Gjellerups in oben genanntem Strömungskonflikt verhalten? 

Einen ähnlichen Weg der Loslösung von Brandes ging der Schriftsteller Jens Peter Jacobsen (geb. 1847), auch hinsichtlich Atheismus (im Botanikstudium konfrontiert mit Darwin und Strauss). Er gilt als ein Vorreiter der impressionistischen Erzählweise, die Herman Bang zur Meisterschaft ausbilden sollte. Holger Drachmann (1846–1908) hingegen folgte Brandes, ganz anders als schließlich der zehn Jahre jüngere Herman Bang (1857–1912), der eine Sonderstellung in der dänischen Literatur zur Jahrhundertwende einnimmt und im übrigen nur zu empfehlen ist. Bemerkenswert ist beispielsweise sein Roman über die verlorene Generation nach 1864, die Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen um Schleswig-Holstein zwischen Preussen und Dänemark, ein Konflikt, der auch für die politische und kulturelle Position Gjellerups prägend werden sollte. Durch den Krieg von 1864 zwischen Preußen und Dänemark um die Zugehörigkeit der Herzogtümer Schleswig und Holstein, für den er die dänische Politik ursächlich verantwortlich macht, sieht er den symbiotischen und auch produktiven Zusammenhang zwischen deutscher und dänischer Kultur grundlegend geschädigt. Möglicherweise ist dies ein weiterer Beweggrund, den Wohnsitz ab 1892 generell in Deutschland zu nehmen, nach einem bereits in den Achtzigern dreijährigen Aufenthalt in Dresden. Gjellerup geht in den 80ern mehrfach auf große Reisen, die ihn bis Italien und Russland führen, aber auch nach Dresden, wo z.B. der dänische Komponist Fritz Bendix lebt. Er verliebt sich in dessen Frau Eugenia, eine gebürtige Dresdnerin, die um die Scheidung von ihrem Mann bemüht ist, und 1887 sollte Gjellerup mit ihr die Ehe eingehen. In „Minna“ (dt. „Seit ich zuerst sie sah“) und der lyrischen Tragödie „Brynhild“, findet sich diese konfliktreiche Dreiecksbeziehung widergespiegelt. Das junge Paar wohnt ab 1892 zunächst auf Altstädter Seite, zieht 1915 schließlich nach Klotzsche, zunächst in die Gartenstraße 28 (heute Kieler Straße).

Ab 1891 erhielt der mit seinen Dramen bislang zum Teil nur wenig erfolgreiche Autor eine feste jährliche Unterstützung seitens des dänischen Staates, ermöglicht durch ein neues Finanzgesetz, die sich bis zu seinem Lebensende auf 2000 dänische Kronen erhöhen sollte. Dennoch war das nicht ausreichend, um den Unterhalt der Familie zu sichern, so entschloss er sich, einen großen Roman, der ihn zudem innerlich mit seiner dänischen Heimat verbindet. („Die Hügelmühle“ )

Gjellerup gilt als einer der Vertreter der Gegenavantgarde, einer literarischen Strömung des Jugendstils oder „Art Nouveau“, die zeitgleich mit dem als Avantgarde verstandenen Naturalismus verläuft. Auch andere namhafte Autoren werden von der einen wie der anderen Strömung beeinflusst oder tragen sie mit, etwa Thomas Mann, Christian Morgenstern, Stefan Zweig, Johannes Jörgensen und Hermann Hesse. Gjellerup schließt 1884 mit „Brynhild“, ein Werk, das für seinen literarischen Durchbruch sorgt, an die Strömung des „Art Nouveau “ an. Gjellerup genoss als mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Vertreter dieser Strömung zu seiner Zeit Vorbildfunktion. Nicht zuletzt hat Gjellerup mit der Übertragung der eddischen Götterlieder und der Werke Wagners ins Dänische einen Ruf als zentrale Kulturpersönlichkeit in Dänemark errungen. In der Beschäftigung mit Brynhild und den Werken Wagners offenbart sich eine Hinwendung zu Schopenhauers Philosophie und zu buddhistisch-hinduistischen Anschauungen, die nach der Jahrhundertwende in Arbeiten wie „Opferfeuer“, „Der Pilger Kamanita“ und „Weltwanderer“ Niederschlag finden. Dafür erhält er besonders im Ausland viel Anerkennung, man bezeichnet ihn auch als Klassischen Dichter des Buddhismus. Gjellerup hat sich mit Religionsphilosophie beschäftigt, seine Anschauungen bilden eine innere Grundlage für die einzelnen Werke.

Oft bilden Dreiecksverhältnisse und Entsagung eine dominante Konstante in seinen Texten – die Liebesbeziehung nicht mehr ausleben zu können, oder sie ins Nachtodliche, Geistige zu verlagern. Doch gehen diese Texte weit über Beziehungsprobleme hinaus, philosophische, kulturelle Aspekte und Reflexionen durchdringen das gesamte Werk, sorgen für Tiefgang, Grundierung, aber auch Theorielastigkeit.

Die Entscheidung, den Nobelpreis zwischen zwei dänischen Autoren aufzuteilen, nämlich Karl Gjellerup und Henrik Pontoppidan, scheint der Diplomatie geschuldet. Die Schwedische Akademie, der schon 1911 seitens der dänischen Akademie Karl Gjellerup und Ernst von der Recke als Preisträger vorgeschlagen wurden, wollte es vermeiden, eine der beiden literarischen Strömungen in Dänemark zu bevorzugen und entschied sich, jeweils deren prominentesten Vertreter zu ehren. Jeder der zwei wurde von Jurymitgliedern als wert empfunden, den Preis auch allein zu erhalten. Trotz Diplomatie sorgte die Bekanntgabe in beiden Lagern für Verärgerung, die Geehrten eingeschlossen. Henrik Pontoppidan zweifelte an, inwieweit Gjellerup noch als Vertreter der dänischen Literatur gelten könne, Karl Gjellerup sieht sich ob des geteilten Preises herabgesetzt, als „1/2 Hauptmann“, dieser hatte den Nobelpreis 1912 zuerkannt bekommen. Außerhalb der sich bekämpfenden Strömungen sah man das Ganze gelassener. Und beide nahmen den Nobelpreis schließlich auch an. Hinsichtlich Gjellerup würdigt die schwedische Akademie insbesondere den Roman „Der Pilger Kamanita“ und die lyrische Tragödie „Brynhild“, deren Motive auch auf der Urkunde dargestellt werden. Im Kriegsjahr 1917 erfolgt die Zustellung der Urkunden auf dem Postweg, die sonst übliche feierliche Zeremonie in Stockholm entfällt. Am 2.11.1917 notiert Gjellerup, es gäbe Gerüchte, dass er für die Verleihung des Nobelpreises vorgesehen sei, am 8.11. gibt die Schwedische Akademie die Namen der Geehrten bekannt. 

Karl Gjellerup wird am 2. Juni 1857 als Kind einer Pfarrersfamilie in Roholte geboren. Als der Vater 1860 stirbt, zieht die Mutter mit ihren Kindern nach Nörrebro bei Kopenhagen, wo Verwandte wohnen. Noch im selben Jahr sollte der Cousin der Mutter, Johannes Fibiger, gleichfalls Pastor, Karl in Pflege nehmen. Das Paar entscheidet sich dafür, da es selbst kinderlos geblieben ist. Zunächst geschieht das gegen den Willen der Mutter. Die Ehefrau Anna Amalie Fibiger geb. Waage kümmert sich liebevoll um den Jungen und wird von diesem als Mutter anerkannt, obwohl er die leibliche Mutter und seine Geschwister jedes zweite Wochenende sehen kann. Er erhält eine gute Schulbildung, wird geistig angeregt durch die offene Atmosphäre im Haus, in dem Künstler aller Gattungen und Freidenker verkehren, letztere verkörpert auch durch den Pflegevater selbst, der neben der Theologie noch andere wissenschaftliche Studien betreibt. Die Eltern von Johannes Fibiger sind deutscher Abstammung und erziehen ihre Kinder in einem toleranten und undogmatischen Geist, was nicht nur Einfluss auf die Interessen Johannes, sondern letztendlich auch die des Pflegekindes zeitigen sollte. Er beschäftigt sich mit Spiritismus, heidnischen Religionen, betreibt philosophische und religionswissenschaftliche Studien, ist offen für Esoterik, hat einen in alle Richtungen gehenden Bildungshunger. 

Gjellerup liest, was im Bücherschrank der Pflegeeltern zu finden ist, und das ist vor allem deutschsprachige und dänische Literatur, Goethe, Schiller, die schon den Zehnjährigen stark beeindrucken und zu eigenen dichterischen Versuchen animieren. Schiller vor allem wird ihn ein Leben lang nicht loslassen, besonders dessen „Wallenstein“ erfüllt ihn mit bislang ungekannter Begeisterung, wie der Autor später anmerkt. Aber auch durch das Vorbild Fibigers selbst, der sich eine Zeit lang an Gedichten versucht, die jedoch späteren Urteilen Gjellerups nicht standhalten sollten, wird er zu eigenen Schreibversuchen angeregt.

Gjellerup rezipiert auch Heinrich Heine, Percy Shelley, Iwan Turgenjew, lässt sich von nordischen Sagen und Balladen inspirieren. Ebenso von Komponisten wie Robert Schumann, Richard Wagner und Franz Schubert, insbesondere dessen „Winterreise“. 

Das Deutsche interessiert Gjellerup nicht nur, weil deutsche Literatur und Kontakte zu Deutschland im Haus außerordentlich gepflegt werden, Edle Waage, die Schwester Amalie Fibigers, hat den Jungen geholfen, Lesen und Schreiben zu lernen, sie wohnt mit im Haus und verkörpert für Gjellerup Kunst und Kultur als „der eigentliche Hausgeist“, wie G. später notiert. 

Mit 17 Jahren legt er 1874 sein Abitur ab, das verschafft ihm Raum, sich intensiver aufs Schreiben einzulassen, schon zwei Jahre zuvor verfasste er eine Reihe Gedichte, die naturlyrischen Themen gewidmet sind, doch sein eigentliches Interesse gilt der Dramatik. So entstehen auf einer Reise erste Szenen zu Scipio Africanus, einen römischen Helden, nachdem er Informationen über diese geschichtliche Gestalt zu sammeln begonnen hat. Hier interessiert ihn besonders der Kampf zwischen Scipio und den Plebejern, wobei Gjellerups Sympathie dem Helden und Einzelgänger gilt, eine gewisse Vorliebe für das Edle, Aristokratische, die auch in späteren Jahren zu beobachten ist, auch in seinen Werken Ausdruck finden wird. Er erhebt sich durch seinen Stil wie die Wahl der Stoffe weit über das hinaus, was seine Zeit verstehen und akzeptieren kann, diese literarischen „Höhenflüge“ bilden mit den Grund für seine spätere, auch literarische Einsamkeit. 

1874 beginnt Gjellerup in Kopenhagen ein Studium der Theologie, obgleich ihm von Anfang an klar ist, dass er nie Pfarrer werden würde. Aber ihn lockt die Vielfältigkeit des Studienfachs, es berührt mit Philosophie, Geschichte und Philologie Wissensbereiche, die ihn sehr interessieren und von denen er sich gute Voraussetzungen für die angestrebte Dichterlaufbahn verspricht. Doch bewirkt besonders die deutsche Bibelkritik, dass sich Gjellerup mehr und mehr von Kirche wie Religion abwendet, Denken und Glaube lassen sich für ihn nicht vereinbaren. Er wendet sich ersterem zu, was auch seine Haltung in der Literatur bestimmt und ihn Kreise eröffnet, die eine naturalistisch-materialistische Geisteshaltung vertreten. Jedoch sollte er erkennen, dass diese Haltung ihm vom Grund her fremd ist. Jahre später wird er durch das Studium der Werke Schopenhauers eine andere Perspektive auf das Christentum bekommen und sich in der Folge intensiv mit anderen Regionen auseinandersetzen. Und dies wird auch in den literarischen Arbeiten Niederschlag finden. Gjellerup ringt um eine Weltanschauung, die ihn befriedigen könnte, und bleibt lebenslang ein Ringender, Suchender. 

Das Examen schließt er 1878 ab, noch im selben Jahr erscheint sein erstes größeres Prosawerk „Der Idealist“. 

So spiegeln sich in seiner Anfangszeit schon die kulturellen Positionen, Konflikte und Schreibansätze wider, die prägend für seine gesamte Schaffenszeit sein sollten.

Jayne-Ann Igel

Literaturhinweise:

Olaf C. Nybo: Karl Gjellerup – ein literarischer Grenzgänger des Fin-de-siècle. POETICA – Schriften zur Literaturwissenschaft, Band 68. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2002.

Fritz Paul (Hrsg.): Grundzüge der neueren skandinavischen Literaturen. Mit Beiträgen von Alken Bruns, Wolfgang Butt, Wilhelm Friese, Bernhard Glienke, Gert Kreutzer, Otto Oberholzer und Fritz Paul. WBG Academic, Darmstadt 1982. 410 S. (= Grundzüge; Bd. 41). 2. unveränd. Aufl. Darmstadt 1991. 

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