Archiv der Kategorie: Menschen in Klotzsche

Geht die Klotzscher Schwimmhalle baden?

Ein Diskussionsabend in Klotzsche am 07.03.2018

von Stephan Krüger

Wer seinen Kindern zu erklären versucht, wie sich das Leben zu Zeiten sowjetischer Besatzung anfühlte, der braucht nur die Königsbrücker Straße stadtwärts zu radeln, spätestens ab der Stauffenbergallee ist auch der letzte 100-prozentige Genosse erleichtert, dass die 89er Wende fast alle anderen schlechten Straßen auf dem Gewissen hat. Seit wie vielen Jahren wird nun über die Sanierung der Königsbrücker Straße diskutiert? Vermutlich sogar schon seit 1945. Fast im Jahrestakt wird aufgerissen und zugeschmiert, alles provisorisch, denn alle sind sich einig: Die Straße ist alternativlos und braucht eine Totalsanierung. Ergebnis aller bisherigen Diskussionen: Der Status quo bleibt erhalten.

Hoffen wir, dass dem Klotzscher Sportkomplex ein ähnliches Schicksal erspart bleibt. Seit dem Bau der Schwimmhalle, der Turnhalle und des Sportplatzes zur Vorbereitung der Olympiade 1936 wurde die Klotzscher Schwimmhalle noch nie grundsaniert. Trotzdem hat sie 80 Jahre durchgehalten, inklusive Turnhalle und Sportplatz.

Schwimmhalle, Turnhalle, und von Wildschweinen umgegrabener Sportplatz

Das könnte bald vorbei sein. Die ehemals bild- und auch heute noch architektonisch schöne Anlage verfällt zusehends, trotz Denkmalschutz. Gleichzeitig steht sie bei den Bürgern so hoch im Kurs, dass die Schwimmhalle fast täglich von 06:30 bis 22:00 Uhr  von Einzelgängern bis Vereinen, von Kindern bis Senioren, von Tauchern, Synchronschwimmern, Wasserballern, Triathleten, Rettungsschwimmern, mithin von Menschen fast jeder Couleur, die schwimmen können oder es lernen wollen, in Anspruch genommen wird.

Am 07.03.2018 hatte die Klotzscher CDU um Christian Hartmann zur Bürgerversammlung mit dem Thema „Schwimmhalle Klotzsche“ geladen.

Podium der Bürgerversammlung am 07.03.2018

Bürgermeister Dr. Peter Lames (SPD) begann mit einem Vortrag über die „Bäderkonzeption im Zusammenhang“ und warb für Verständnis dafür, dass die Stadt Dresden die Interessen ALLER Bürger im Blick behalten müsse, was im Einzelfall bedeuten könne, lokale Privilegien wie eine örtliche Schwimmhalle nicht in jedem Fall dauerhaft erhalten zu können. Für die Klotzscher Schwimmhalle gäbe es eine unbedingte und unbefristete Betriebserlaubnis, diese würde sicherstellen, dass das Klotzscher Schwimmbad solange zur Verfügung stände, bis ein Neubau – wo auch immer – errichtet worden ist. Die Bäder GmbH bekäme ihre Mittel aus den Erträgen der Technischen Werke der Stadt Dresden. Damit belasteten die Bäder nicht den Haushalt der Stadt, vielmehr finanzierten die Bürger die Bäder über ihre Zahlungen an die Stadtwerke. Pro Jahr sei ein Zuschuss von ca. 9 Millionen Euro für den Bäderbetrieb in Dresden erforderlich. Da diese Mittel steuerrechtlich nicht den Einkünften der Stadtwerke entnommen würden, fiele auch keine Kapitalertragssteuer an.

Lames führte zwei Randbedingungen an, die bei einer neu zu errichtenden Schwimmhalle zu beachten seien:

  1. Die Optimierung der Betriebsverhältnisse: Dazu gehöre, die Schwimmhalle an eine Stelle zu setzen, an der sie von vielen Menschen gut zu erreichen sei.
  2. Die Fläche, auf der sich die Schwimmhalle heute in Klotzsche befindet, sei ein Gewerbegebiet, das wachsen solle. Diese Fläche müsse langfristig für die Expansion örtlicher Unternehmen zur Verfügung stehen.

Lames betonte, nicht nur für die Schwimmhalle, auch für die Turnhalle sei ein Ersatzbau erforderlich, für den ebenfalls eine Ausgleichsfläche gesucht werde.

Der Chef der Dresdner Bäder GmbH Matthias Waurick lieferte weitere Informationen:

Die Schwimmhalle Klotzsche verfüge über 312 m² Wasserfläche. Ganz Dresden habe knapp 5.000 m² Wasserfläche, das seien ungefähr 111 Einwohnern pro m². Im Vergleich mit den anderen acht deutschen Städten mit Einwohnerzahlen zwischen 500.000 und 600.000 Einwohnern sei Dresden dabei Schlusslicht. Dresden weise hier einen Mehrbedarf von ca. 1100 m² Schwimmhallen-Wasserfläche aus. Das entspräche einer zusätzlichen großen 50 m – Schwimmhalle. Um Kosten zu sparen, wäre deshalb eine große Schwimmhalle mit 800-900m² Fläche – Waurick nannte sie „kompakte Schwimmhalle“ – wünschenswert. Damit sich diese große Schwimmhalle rentiere, müsse das Einzugsgebiet dieser Schwimmhalle deutlich vergrößert werden. Das gelänge nur durch einen Standort, der stadtnäher als Klotzsche sei und beispielsweise in Pieschen läge. Nach Wauricks Rechnung erreiche die Klotzscher Schwimmhalle derzeit ein Einzugsgebiet von ca. 70.000 Einwohnern, während ein neuer Standort in Stadtnähe bis zu 140.000 Einwohnern erreichen könne. Waurick zählte auf, wie er sich eine „kompakte Schwimmhalle“ vorstelle: 25 Meter à 6 Bahnen, Lehrschwimmbecken, Mehrzweckbecken, variabler Boden, so dass auch Tauchen oder – anderes Extrem – „Senioren-Stehen“ möglich seien. Spezifische Nutzer seien das Schulverwaltungsamt, Vereine, Wasserballer, Synchronschwimmer, Taucher, Einzelpersonen jeglichen Alters sowie Kinder- und Aquafitnessgruppen Die Kosten für eine kompakte Schwimmhalle (800-900 m²)  betrügen nur 2/3 der Kosten von vier kleinen Schwimmhallen (4 x 300 m² = 1200 m²). Der Zeitrahmen für derartige Investitionsbauten betrage ungefähr vier Jahre ab Grunderwerb: zwei Jahre Vorbereitung, Planung, Genehmigung und zwei Jahre Bau. Die derzeit in Planung und Bau befindlichen Schwimmhallen an der Freiberger Straße sowie in Prohlis würden bis 2019 bzw. 2022 fertiggestellt sein, danach könnte der Bau der neuen Schwimmhalle im Dresdener Norden beginnen. Zugabe: Der Freistaat würde den Neubau vermutlich unterstützen.

Nach Bäder–Chef Waurick sprach der stellvertretende Vorsitzende des Schwimmvereins Weixdorf Steffen Herzog.

Der Klotzscher Sportkomplex, begann Herzog seine Rede, sei eine einmalige Kombination aus Schwimmhalle, Sporthalle und Sportplatz. 14 Schulen von der Grundschule bis zum Gymnasium nutzten die Schwimmhalle. Nachmittags und abends gäbe es öffentliches Schwimmen. Zwei Schwimmvereine mit Sportschwimmen nutzten die Halle, die Schwimmer kämen aus der ganzen Stadt. Beide Vereine hätten um die 500 Mitglieder zwischen 5 und 90 Jahren. 25 lizensierte Trainer würden erfolgreich ausbilden, u. a. auch Rettungsschwimmer, die an vielen Stellen in unserer Gesellschaft gebraucht würden. Die Trainerausbildung dauere 3 Jahre und jeder Trainer müsse die Wettkampfrichterausbildung abschließen. Vereine widmeten sich der Schwimmausbildung, Ziel der Ausbildung sei nicht nur die Schwimmausbildung, sondern es ginge auch um die Talententwicklung und die sich anschließende Ausbildung an Sportgymnasien und Sporthochschulen. Der Talentestützpunkt Weixdorfer Schwimmverein wurde erst kürzlich als Talentschule ausgezeichnet. Äußerst geschickt geplant (Olympiade 1936) sei die Paarung aus Schwimmhalle, Turnhalle und Sportplatz hinsichtlich der athletischen Ausbildung der Schwimmer. Es gäbe sogar eine Reihe Vereine, die aufgrund lokaler Baumaßnahmen wie aktuell in der Freiberger Straße nach Klotzsche ausgelagert worden seien. Ein weiterer Pluspunkt sei die hervorragende Erreichbarkeit der Schwimmhalle für Menschen aus der Region jenseits der Stadt und die im Vergleich zu anderen Dresdner Schwimmhallen sehr guten Parkmöglichkeiten. Sollte es zur Schließung der Klotzscher Schwimmhalle kommen, erwarte der Schwimmverband, durch den Umzug Verluste bei der Ausbildung bei Kindern von bis zu 70%.

Teil der Turnhalle

Herzogs Verteidigungsrede löste großen Beifall aus.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion wurden von den über 100 anwesenden Bürgern Fragen an das Podium gestellt, Meinungen getauscht und philosophiert.

Themen waren die lokale Identifikation als Heimat, die Entschleunigung, die man in Klotzsche im Vergleich zur rastlosen Stadt im Tal erleben kann, kinderreiche Familien, die von einer lokalen Schwimmhalle profitierten, lange oder kurze Wege für die Bürger, die vielen leerstehenden Industrieflächen, die das Argument, das Gelände der Schwimmhalle sei für die Industrie erforderlich, schwach aussehen ließen, bis hin zum Argument, in einer Gesellschaft, in der Werte und Normen schleichend verloren gingen, wäre es insbesondere für unsere Kinder wichtig, sie von den Computern, Handys oder der Straße wegzuholen und sie stattdessen mit praktischen Befähigungen wie Schwimmen und Mannschaftsgeist auszustatten und ihre Gesundheit zu festigen.

Hoffen wir, dass die Botschaften bei den Entscheidern angekommen sind. Zustände wie bei der Königsbrücker Straße möchte keiner. Der Wunsch der Bürger ist an diesem Abend eindeutig:

Die Klotzscher Schwimmhalle soll saniert werden und erhalten bleiben.

Einige Fragen blieben meines Erachtens jedoch offen:

– Unterstützt der Freistaat ausschließlich einen Neubau oder würde er auch die Sanierung der bestehenden Klotzscher Schwimmhalle mitfinanzieren?

– Warum geht Bäder-Chef Waurick in seiner Vergleichsrechnung von vier kleinen Schwimmhallen aus? Vergliche man die Kosten einer zentral gelegenen Kompakt-Schwimmhalle mit nur drei (statt vier) dezentralen kleinen Schwimmhallen (3 x 300m² = 900m²), lägen die Kosten vermutlich nicht mehr so weit, wie von Waurick angeführt, auseinander und mehrere Stadteile könnten mit eigenen Schwimmhallen beglückt werden. Eine dieser drei Schwimmhallen – eventuell die am zentralsten gelegene – könnte ja  trotzdem durchaus mit einem Mehrzweckbecken versehen werden, um die spezifischen Wünsche von Senioren und Tauchern zu erfüllen.

Antworten zu diesen und weiteren Fragen werden gegebenenfalls nachgereicht.

(nach Absprache gekürzt)

Links:

Schwimmhalle Klotzsche

Der Dresdner Norden braucht eine neue Schwimmhalle (DNN)

Streit um Dresdens Bäder (Sächsische Zeitung)

Erster Ansprechpartner für die Klotzscher/-innen

Wir sind zu Besuch bei Christian Wintrich, dem Ortsamtsleiter von Klotzsche und Pieschen. Wir wollen wissen, wer Christian Wintrich ist, wo er herkommt und was ihn bewegt.

Christian Wintrich (62), erlernte den Beruf eines Chemielaboranten und studierte dann Maschinenbau. Zur Verwaltung kam er nach 1989, als im Zuge der politischen Veränderungen auch Quereinsteiger begannen, Verantwortung in der Verwaltung zu übernehmen. „Es war eine ganz tolle und aufregende Zeit. Wir alle waren euphorisch, wollten etwas bewegen und manches verändern. Es hat mir richtig Spaß gemacht.“ In seiner Stimme schwingt immer noch Begeisterung mit. Auch nach so langer Zeit.

Im Jahr 2010 kam er ins Ortsamt Klotzsche. Zunächst als Stellvertreter des Ortsamtsleiters, dann seit 2014 als Chef. Vorher musste er allerdings – so ist das übliche Procedere – den Ortsbeirat davon überzeugen, dass er der Richtige für diesen Posten ist. Die Entscheidung fällt zwar am Ende der Stadtrat, aber das Votum des Ortsbeirates ist wichtig. „Wie haben Sie den Klotzscher Ortbeirat überzeugt?“ Auf meine Frage hin schaut unser Gegenüber zunächst etwas überrascht:

„Eigentlich müssten das diejenigen beantworten, die das damals entschieden haben. Ich denke, es war eine Mischung aus der Bewertung meiner vorherigen Arbeit und der Anerkennung meiner langjährigen Erfahrung“, kommt die zögerliche aber bestimmte Antwort. Es ist ihm gelungen – und zu Beginn geriet er sogleich in eine äußerst turbulente Phase.

„Ja, 2014 – das war schon keine einfache Situation.“, spricht er weiter. Es waren diese dramatischen Stunden, als die Emotionen wegen des geplanten Flüchtlingsheims auf der Karl-Marx-Straße hoch kochten. Als sich die Gegner und Befürworter vor dem Rathaus gegenüberstanden und lautstark ihre Meinung äußerten.

Wenn sich Christian Wintrich daran erinnert, spürt man seine Bewegung noch heute.

„Vor dem Haus standen die Menschen und demonstrierten und gaben lautstark Ihre Meinung kund. Wir haben zeitgleich im Ortsbeirat über das Thema beraten. Obwohl die Entscheidung am Ende der Stadtrat treffen musste, wollten die Klotzscher/-innen, dass wir uns hier klar positionieren. Das war wirklich schwierig.“  Christian Wintrich gibt ehrlich zu, dass er von der Heftigkeit dieser Kontroversen überrascht war.

Wie er denn einen typischen Klotzscher sieht, wollen wir wissen. Er denkt nach, spricht bedächtig: „Bis zu diesem Tag im Jahr 2014 dachte ich, es gibt hier wenige Konflikte, es läuft alles sehr geordnet ab. Die Meisten sind mit ihrem Stadtteil und dem, was sie umgibt, zufrieden. So dachte ich und so war ich eingestellt.“ Klotzsche habe sich als sehr konservatives und sehr bürgerliches Viertel gezeigt.

„Klotzsche kann man von den Emotionen der Einwohner schon mit einer Kleinstadt vergleichen. Ich habe den Eindruck, dass es mitunter schwer ist, als Zugezogener die volle Anerkennung der Alteingesessenen zu erlangen. Man wird zunächst als der Neue wahrgenommen und es wird kritisch auf die Dinge geschaut, die man macht. Es braucht eben seine Zeit, bis man akzeptiert wird. Ähnlich ist es mit Veränderungen, die den Stadtteil betreffen. Auch hier wird kritisch hinterfragt, was sich verändert. Ich sehe das aber eher als positive Eigenschaft der Klotzscher/-innen“.

Weitere Eigenschaften des Stadtteils aus seiner Sicht: „Es gibt sehr viele interessierte und ihrem Stadtteil zugewandte Menschen, für die die Historie des Ortes immer noch eine große Rolle spielt. Man sieht es an der Resonanz, wenn zu geschichtlichen Themen Vorträge oder Lesungen organisiert werden“.

Man merkt, Christian Wintrich ist in Klotzsche angekommen und kann sich mit dem Stadtteil und den Menschen hier identifizieren.

Wie sieht er seine Aufgaben?

„Ich bin der erste Ansprechpartner für die Klotzscher/-innen.“ Er stutzt kurz, als ihm dieser Satz entfährt. „Kann man das so sagen?“, schließt sich die Frage an, mehr zu sich selbst gestellt. Um gleich die Antwort zu geben: „Ja, ich denke schon!“ Er lacht. Er ist personell zuständig für die Mitarbeiter des Ortsamtes, leitet die Sitzungen des Ortsbeirates und ist in erster Linie Anlaufstelle für Probleme und Sorgen der Einwohner/-innen.

Welche Dinge stehen noch an, was möchte er in Klotzsche noch bewegen? Was sind die vordringlichsten Aufgaben?

Die Weiterentwicklung des Stadtteils durch die Erschließung neuer Baugebiete. „Wir haben sehr viele Anfragen, von Leuten, die gern nach Klotzsche ziehen würden – leider fehlt uns dafür zunehmend der Platz“. Auch die Infrastruktur ist ein großes Thema. „Klotzsche wächst durch Zuzug und neue Industrieansiedlungen. Die Menschen wollen aber auch schnell von A nach B kommen. Deshalb steht in Zukunft auch der zweigleisige Ausbau der Bahnlinie 7 in Klotzsche an“.

Ein weiteres Thema ist die Schwimmhalle. „Die jetzige Schwimmhalle ist strategisch ungünstig gelegen und in keinem sehr attraktiven Zustand. Eine Sanierung oder ein Neubau an einer anderen Stelle ist ein Wunsch von vielen Klotzscher/-innen. Es bestehen auch Wünsche und Ideen für ein Bürgerhaus oder eine Begegnungsstätte – doch bis dahin wird noch etwas Zeit vergehen“. Klotzsche entwickelt sich, einiges geht schnell, anderes braucht Zeit – Christian Wintrich ist optimistisch, dass sich viele Dinge realisieren lassen, wenn die Klotzscher/-innen sich auch weiterhin so gut für ihren Stadtteil engagieren wie bisher.

Menschen in Klotzsche: Die Schriftstellerin Jayne-Ann Igel

Jayne-Ann Igel in ihrem Arbeitszimmer

Wer viel im Dresdner Norden unterwegs ist, dürfte ihr immer wieder begegnen: Jayne-Ann Igel erkundet Klotzsche und seine Umgebung nahezu täglich, sommers wie winters, bei gutem und schlechtem Wetter, zumeist mit Fahrrad und Kamera. Die Wahl-Klotzscherin wurde 1954 in Leipzig geboren und wuchs mit Blick auf eine Haftanstalt, in der ihr Vater arbeitete, in einer staatstreuen Familie auf. Als Kind etwas kränklich und nicht zuletzt bereits dadurch anders als andere Kinder, fand sie schon früh zur Literatur und zum Schreiben. Der Versuch, bereits zu ihrer Schulzeit die Deutsche Bücherei in Leipzig zu nutzen, wurde zwar abschlägig beschieden, nicht jedoch ohne den Hinweis, dass Minderjährigen in dieser Institution trotzdem eine Ausbildung offenstände. Also erlernte sie dort den Beruf einer Bibliotheksfacharbeiterin und erhielt damit – und das gehörte mit zum Ersten, was sie mir zu Beginn unserer langen Gespräche mit einem verschmitzt-glücklichen Lächeln erzählte – den „Schlüssel des Glücks“ und mit ihm Zugang zu allen Büchern, die in der Deutschen Bücherei inventarisiert wurden, also auch zu jenen, die nur sehr beschränkt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Später begann sie ein Theologie-Studium – und am selben Tag ernsthaft mit dem Schreiben. Während in jugendlichen Jahren zunächst Texte entstanden waren, die von fernen, fremden Welten handelten, ging es jetzt um Erkundungen, um die eigene Wahrnehmung, das persönliche Umfeld, die eigene Kindheit und Jugend, Nachtträume und Selbstverortung. Das Studium brach sie kurz vor dem Abschluss ab, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. Sie bewegte sich – wohl ebenso leise und zurückhaltend, wie es noch heute ihre Art ist – in der, wie es Wolfgang Hilbig einmal nannte, „Küchen- und Korridor-Szene“ Leipziger Künstlerkreise und wurde lange von offiziellen Verlagen nicht veröffentlicht. Erst ab der Mitte der 80er Jahre erschienen erste einzelne Gedichte in Zeitschriften und Anthologien in Ost und West. Im Wendejahr 1989 – für Jayne-Ann Igel ein Wendejahr in vielerlei Hinsicht – dann gleich zwei eigene Gedichtbände, zum einen im S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, zum anderen in der Reihe Poesiealbum beim Verlag Neues Leben Berlin (Ost). Noch unter dem Eindruck der Montagsdemonstration vom 9. Oktober in Leipzig, an der auch sie teilgenommen hatte, fuhr sie wenige Tage später auf Einladung ihres westdeutschen Verlages erstmals in den Westen, zur Buchmesse nach Frankfurt. Die Genehmigung zu dieser Reise erhielt sie erst in letzter Minute, so dass sie nicht einmal mehr packen konnte und von ihrem Buchhonorar zunächst einmal Kleidung kaufen musste. Irgendwie irreal sei das alles damals gewesen, erzählt sie heute.

Ihre Textformen sind insbesondere Lyrik, lyrische Prosa und Prosaminiaturen. Außerdem schreibt sie seit 1981 Tagebücher, die angesichts ihres täglichen Schreibpensums bereits mehrere Schubladen und Regalfächer füllen, trotz kleinster Schrift. In ihnen notiert sie ihre Nachtträume, mit denen sie sich schon sehr lange intensiv auseinandersetzt, und alle anderen Begebenheiten und Gedanken, die sie beschäftigen. Oft sind diese Notate die Keimzellen für andere Texte. Außerdem ist sie gemeinsam mit Jan Kuhlbrodt Herausgeberin der Reihe Neue Lyrik, die in Kooperation mit der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen im Poetenladen erscheint.

Jayne-Ann Igel ist eine Beobachterin, eine, die auch den scheinbar nebensächlichsten Details ihre Aufmerksamkeit schenkt und Bedeutung beimisst, Details, die die meisten Menschen wohl übersehen: Schnecken, Fugen, Unkraut, Geländeformationen, Strukturen, Bäume, Schichtungen. Das schlägt sich auch in ihren Fotos nieder: drei Pappeln auf einem von Baggerspuren aufgerissenen und öd gefallenen Gelände, Bauerwartungsland; Laternenpfähle, die „ihre Hälse recken“; Baumgerippe; dreckige Wasserlachen in ausgefahrenen Feldwegen. Vieles wirkt auf den ersten Blick vielleicht düster, dunkel und schwermütig. Aber ich empfinde das nicht. Jayne-Ann Igel schärft unsere Wahrnehmung und lenkt sie wieder zurück auf das Wesentliche, weg von der Vormacht des Makellosen, Glatten, Perfekten und hin zur Realität – die zumeist eben mitnichten makellos, glatt und perfekt ist, aber deswegen auch noch lange nicht düster und hoffnungslos.

Mich nimmt ihr Schreiben gefangen! Es ist keine leichte Literatur, keine konsumierbare, gefällige, keine, die man nebenbei liest. Ja, man wird sie wohl „anspruchsvoll“ nennen müssen, es ist eine, die ihren Leser fordert und ihn auf sich selbst zurückwirft. Bei der Lektüre wurde ich mit vielen Gedanken und Gefühlen konfrontiert, die im tiefsten Inneren auch meine eigenen waren, mir im Alltag jedoch abhandengekommen sind. Das kann aufwühlen, keine Frage! Aber für mich ist es genau das, was ich von Literatur erwarte.

Nach Klotzsche hat Jayne-Ann Igel die Liebe verschlagen. Sie lebt und schreibt unter dem Dach einer Altbauwohnung im Villenviertel von Königswald mit Blick in hohe, alte immergrüne Kiefern.

Am kommenden Sonntag liest Jayne-Ann Igel zur Eröffnung des 3. Klotzscher Bücherbasars und der Literaturwoche im Gemeindehaus Alte Post aus ihren Miniaturen.

Petra Schweizer-Strobel

 

Neuere Publikationen von Jayne-Ann Igel:

Traumwache. Urs Engeler Editor, Basel 2006.

Berliner Tatsachen. Urs Engeler Editor, Basel 2009.

Vor dem Licht / Umtriebe (Reihe Staben). Gutleut Verlag, Frankfurt/Main 2014.

Schattenlicht. In: Peter Engstler/dirc frölic/Jayne-Ann Igel/Lilly Jäckl/Urs Jeggi/Jochen Schneiper, Das fünfte Schock. Prenzlauer Berg Collection, Vol. 3, Berlin 2016, 31-41.

Außerdem schreibt Jayne-Ann Igel einen Blog: https://umtriebe.wordpress.com/

 

Aus ihrer Werkstatt:

Einholen

nur von zahlen geträumt, ziffern, auf- und absteigenden, nein, nicht von der börse, nicht mal der geldbörse, geldwerten leistungen oder beträgen, vom simplen einmaleins des habens oder nicht-seins, nur von ziffern, zahlen, die sich zu ketten gereiht, als ginge es um eine treibjagd, eine auf das abgetriebene ich, und zählten darauf, dass es sich ein-, wenn nicht gar überholte …

 

Nächtliche Fahrt

jener bursche in der bahn, etwa sieben jahre alt, dicke brillengläser, den ich im schwarz hinterlegten spiegel des fensterglases erblickte – ich musste immer wieder hinschauen, zu diesem jungen, der etwas unbeholfen in seinen bewegungen wirkte, dazu auch überdreht – die  lange fahrt nach k. hoch redete er auf seine mutter ein, insistierte auf etwas, das sie nach ihrer ankunft zu hause unbedingt tun wollten, ja sollten, es hörte sich so an, als machte er einen vorschlag, verpackt in einen fragesatz, dessen gegenstand kaum variierte und den er nach kurzen pausen wiederholte – es steckte soviel an erwartung darin, dass ich davon ganz eingenommen war, während die mutter nicht darauf einzugehen schien – es war, als hinge seine existenz davon ab, dieses mögliche, vor ihnen liegende immer von neuem zur sprache zu bringen, es zu fixieren, und es erweckte den eindruck, als gedachte er seine mutter so zu trösten, doch die zeigte sich zunehmend peinlich berührt, versuchte ihn zum schweigen zu bringen, in dieser bahn, in der das größere schweigen schon einzug gehalten, und ich stierte in die schwärze des glases, in diese nicht zu leerende finsternis mit dem abbild des jungen, der schwarz geränderten brille, die mich an irgendjemand erinnerte; dann verließ ich den wagen und sah sie auf ihrem doppelsitz, der tür halb zugewandt, miteinander ringen …

 

Hinter glas

es ist ein fremdes, verlorenes dieser tage, allein das fotografieren funktioniert noch und zeitigt bilder, die ich lang anschauen mag; auf dem display erscheinen sie wie gerahmt, hinter glas, berührbar und doch entrückt, entzogen, darin die widerspiegelungen dessen, was sich in ihm bricht, widerspricht …

 

Legenden

schnecken morgens, im gewerbegebiet nord, die sich vor dem verblinden retten, auf den weg, diesen formsteingefügten, wo die triebe schon zwischen den fugen, die ränder unkenntlich geworden, überwuchert von orden unkrauts, von gräsern aus zeiten, als jegliches gewächs noch einen namen hatte, jede geländewölbung, jedes geräusch, der hundert- und xste feldrain auch, eine legende –

 

Schönschrift der Ordnung

der tröstung landschaft – die zeile kam mir, als ich das gelände des fontane centers passierte, dieser mehrwert-deponie, in der die bäume, in reihe und von gleich hohem wuchs, eine art schönschrift der ordnung darstellen, der zuteilung und anmutung …