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Radeln am Rande des Wahnsinns

von Petra Schweizer-Strobel

Manchmal geschehen Dinge, die so unwahrscheinlich sind, dass man sie nicht zu glauben vermag. Aber sie geschehen tatsächlich. Und das, was an jenem Abend des 27. November  passiert ist, gehört bei aller entsetzlichen Tragik dazu.

Aber von vorne.

Bereits zum zweiten Mal im November hatten die Stadträtinnen Ulrike Caspary (Bündnis 90/Die Grünen) und Anja Apel (Die LINKE) gemeinsam mit ihren Stadtratsfraktionen zu einer Veranstaltung rund um das Thema „Verkehr im Dresdner Norden“ geladen. Anfang des Monats ging es in der Waldschänke in Hellerau um den öffentlichen Personennahverkehr und vergangene Woche im Stadtbezirksamt Klotzsche dann um die Risiken und Nebenwirkungen des Fahrradfahrens. Während bei der ersten Veranstaltung also in erster Linie ein in so manchen Punkten als defizitär empfundenes Angebot beklagt wurde (wir berichteten), ging es bei der zweiten tatsächlich um nichts Geringeres als um sehr reale Gefahren für Leib und Leben.

Viele waren an diesem Abend trotz der Kälte anlassgerecht mit dem Fahrrad gekommen, eine kleine Demonstration unerschütterlichen Radfahrwillens. Die Stühle im Ratssaal waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Zu Gast waren diesmal Konrad Krause vom ADFC, Dirk Bräuer, Abteilungsleiter Verkehrsanlagenplanung im Stadtplanungsamt, sowie Prof. Reinhard Koettnitz, Leiter des Straßen- und Tiefbauamts. Aber als „Gäste“ dürften sich zumindest Dirk Bräuer und Reinhard Koettnitz wohl kaum gefühlt haben. Sie waren als Verantwortliche eingeladen worden, um den Bürgern Rede und Antwort zu stehen – wie vorherzusehen war, zu sehr vielen unbequemen Fragen und Anliegen.

Konrad Krause, Dirk Bräuer, Reinhard Koettnitz und Ulrike Caspary

Die gute Nachricht: 450 Maßnahmen mit unterschiedlicher Priorität sieht das Dresdner Radverkehrskonzept vor, darunter 150 mit der höchsten Prioritätsstufe 1. 44,6 Mio. Euro sind dafür insgesamt vorgesehen. Das hört sich zunächst gut an. Die Königsbrücker Straße zwischen Albertplatz und Industriegelände ist so eine Maßnahme der Kategorie 1. Die schlechte Nachricht: Auf die Nachfrage eines Bürgers gegen Ende der Veranstaltung, was denn nun in absehbarer Zeit – „in den nächsten zwei Jahren“, präzisierte er – im Dresdner Norden bei der Radwegesicherheit nennenswert geschehen werde, warfen sich die beiden Verantwortlichen hilfesuchende Blicke zu und mussten schließlich gestehen: NICHTS. Dabei waren zuvor unzählige wirklich gefährliche Verkehrssituationen, Fragen und Anregungen  von den Betroffenen – den Bürgern – vorgebracht worden.

Insbesondere war die Verbindung nach Langebrück als Knackpunkt geschildert worden. 7300 Kraftfahrzeuge fahren täglich diese Strecke mit einer erlaubten Geschwindigkeit von bis zu 100 km/h. Oft wird diese noch überschritten. Daneben verläuft ein offensichtlich besonders im Winter und in der Dunkelheit nur eingeschränkt passierbarer nichtasphaltierter Fahrradweg, der Radfahrer oft auf die stark befahrene Straße zwingt. Viele der Anwesenden wünschten sich daher eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf max. 70, am liebsten sogar nur 50 km/h. Und die Wildtiere wünschten sich diese sicherlich auch, denn mit bis zu 25 Wildunfällen im Jahr ist diese Strecke ein großer Unfallschwerpunkt. Aber eine solche Begrenzung  ist bislang offensichtlich noch nicht geplant. In unserem Land hat der Autoverkehr trotz aller Gefahren für Mensch und Umwelt eben absolute Priorität. Die anstehende Schließung des Fußgängertunnels unter der Eisenbahnüberführung auf Höhe des Silbersees wird die Situation hier sogar noch weiter verschärfen. Den Radfahrern wird damit jede Möglichkeit genommen, in das Neubaugebiet am Wasserwerk auszuweichen, um den gefährlichen Bereich an der verhältnismäßig scharfen Kurve kurz vor dem Autotunnel, in die die Fahrzeuge von Langebrück herkommend mit zumeist viel zu hoher Geschwindigkeit hineinfahren, zu umgehen.

Als weiterer Gefahrenschwerpunkt wurde der links von parkenden Autos entlangführende Fahrradwege auf der Karl-Marx-Straße genannt. Zu welch furchtbaren Unfällen eine solche Konstellation führen kann, hat jüngst der Todesfall einer Radfahrerin aus Klotzsche auf der St. Petersburger Straße gezeigt, die durch eine unüberlegt aufgerissene Autotür zu Fall kam und anschließend vom fließenden Verkehr überrollt wurde.

Auch die Verkehrssituation an der maroden Fußgängerbrücke an der Haltestelle Industriegelände ist ein Unfallschwerpunkt, da viele PKW-Fahrer rechts an den Autos, die hier nach links abbiegen möchten und mitunter lange auf eine Gelegenheit warten müssen, vorbeifahren und dabei den an dieser Stelle mit viel Schwung und hoher Geschwindigkeit vom Fahrradweg auf die Straße geleiteten Radlern in die Quere kommen. Auf dem Streckenabschnitt zwischen Industriegelände und der Stauffenbergallee haben sich allein 2016/17 16 Unfälle ereignet, an denen auch Radfahrer beteiligt waren – darunter allein acht Mitarbeiter von Infineon, eine offensichtlich sehr fahrradbegeisterte (oder vielleicht muss man sogar schon sagen: todesmutige) Belegschaft.

 

Rege Diskussionen

Todesmutig? Womit ich zum Beginn meines Beitrages zurückkomme.

Während im warmen Ratssaal also über die schlechte und oft auch schlichtweg gefährliche Verkehrssituation für Radfahrer im Dresdner Norden und angrenzenden Umland mit Verantwortlichen aus der Stadtverwaltung debattiert wurde, verunglückte der Leiter des Dresdner Schulverwaltungsamtes Falk Schmidtgen mit seinem Fahrrad auf der Staatsstraße 81 zwischen Friedewald und Auer tödlich. Auf einer jener Straßen, über deren fehlenden Radweg an diesem Abend auch gesprochen wurde, obgleich sie nicht in den Zuständigkeitsbereich der Stadt Dresden fällt.

Auch wenn vielleicht selbst ein Fahrradweg den Unfall, den ein betrunkener Autofahrer verursacht hat, nicht hätte verhindern können, so veranschaulicht diese Tragödie doch sehr nachdrücklich die berechtigten Sorgen der Radfahrer – und erklärt vielleicht auch ihren zunehmenden Zorn auf eine Verwaltung und Politik, die bei „Freie Fahrt für freie Bürger“ noch immer fast ausschließlich an motorisierte Verkehrsteilnehmer denkt.

Falk Schmidtgen hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Ghostbike für Falk Schmidtgen

Gründung einer AG Verkehr

An jenem Dienstagabend wurde schließlich auch die Gründung einer Arbeitsgruppe Verkehr initiiert, die der Stadtteilrunde Nord angegliedert sein wird. Jeder, der sich für einen besseren und sichereren Verkehr im Dresdner Norden engagieren möchte, ist herzlich eingeladen mitzumachen! Ein erstes Treffen findet am 14.1.2019 von 19:00 bis 21:00 Uhr im Untergeschoss des Gemeindehauses Alte Post auf der Gertrud-Caspari-Str. 10 statt.

Verkehr(t) im Dresdner Norden?

von Petra Schweizer-Strobel

Reges Interesse

Der Saal war voll. Übervoll. Grünen-Stadträtin Ulrike Caspary hat mit dem Thema „Bus und Bahn im Dresdner Norden“ angesichts der Ansiedlung mehrerer neuer großer Firmen im Gewerbegebiet westlich des Flughafens offensichtlich den Nerv vieler Anwohner getroffen, die mit der Verkehrssituation im Dresdner Norden ohnehin schon nicht zufrieden sind. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anja Apel von der LINKEN und ihren Stadtratsfraktionen hat sie am 6. November in der Waldschänke Hellerau eine Podiumsdiskussion mit zwei Männern organisiert, die es wissen sollten: Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain und Martin Gawalek, Prokurist der DVB. Die Entwicklung des neuen Verkehrskonzepts der Stadt liegt in den letzten Zügen – der richtige Moment also, die Bevölkerung noch mitreden zu lassen. Denn wer könnte besser beurteilen, wie die Verkehrssituation in der Praxis tatsächlich ist, als diejenigen, die ihr täglich ausgesetzt sind? Die Theorie am Reißbrett ist das Eine – die persönlichen Erfahrungen sind das Andere.

Der Abend begann mit zwei Impulsreferaten der eingeladenen Experten. Von langfristigen Perspektiven war die Rede, von Taktverbesserungen, Stadtbahnverlängerungen, neuen Busrouten, von Mobilitätspunkten, Carsharing, Bikesharing und Schnellladestationen für Elektroautos. Von Mitfahrportalen und betrieblichem Mobilitätsmanagement. Ein wohlklingendes Sammelsurium der Modernität. Was tatsächlich geplant und was nur Gedankenspiel ist, war nicht unbedingt immer leicht voneinander zu unterscheiden. Aber eines wurde schnell klar: So einfach ist die Sache mit der Verkehrsplanung nicht! Allein die zeitlichen Dimensionen für Bauvorhaben, beispielsweise der Verlängerung von Bahnlinien, sind immens, die Zuständigkeiten sind komplex und die Folgen kleiner Veränderungen im Verkehrsgefüge unüberschaubar. Drehe ich am Takt in Klotzsche, hat das Folgen für die ganze Stadt. Von der Kostenintensivität vieler Wünsche einmal ganz zu schweigen. Denn natürlich sind beispielsweise kleinere Quartiersbusse wünschenswert, die auch Nebenstraßen an den ÖPNV anbinden, aber leider wurden sie während einer Erprobungsphase in Klotzsche seinerzeit kaum genutzt, weshalb diese Linien wieder eingestellt wurden. Die Trägheit der Masse, wenn sie umsteigen muss. Die Menschen mögen lange Strecken. „Keine Wirtschaftlichkeit im Dresdner Norden“ also – und das zählt leider selbst noch in Zeiten, in denen der ÖPNV der Umwelt zuliebe eigentlich so sehr bezuschusst werden müsste, bis schließlich auch der letzte Autofahrer aus Kostengründen öffentlich fährt. Denn erst wenn der ÖPNV gefühlt nichts mehr kostet und die Parkgebühren richtig schmerzen, werden die Menschen ihre Bequemlichkeit ihrer Vernunft opfern. Anton Hofreiters Traum vom 1 €-Tagesticket – er wäre wohl die Lösung vieler unserer Verkehrs- und Umweltprobleme. Aber an dieser Stellschraube zu drehen, ist Aufgabe der Politik und nicht der DVB – womit der Staffelstab dann auch bereits wieder bei den Stadträten und Stadtratsfraktionen angekommen wäre. Aber das nur nebenbei.

Von links nach rechts: Raoul Schmidt-Lamontain, Ulrike Caspary und Martin Gawalek

Im Anschluss an die Impulsreferate und eine erste Gesprächsrunde auf dem Podium war viel Zeit für Fragen, Wünsche und Vorschläge aus dem Publikum. Nicht alle Fragen konnten sofort beantwortet werden, und sicherlich sind nicht alle Wünsche und Vorschläge realisierbar, aber dass das Thema die Gemüter der Anwohner und Berufstätigen im Dresdner Norden bewegt, wurde sehr deutlich. Von am Straßenrand stehengelassenen Schülern war jetzt die Rede, weil zu Stoßzeiten die Kapazitäten der Busse nicht reichen, von der Schwierigkeit älterer Menschen, in Tatra-Bahnen einzusteigen, und ignoranten Busfahrern, die Umsteigenden selbst an wichtigen  Knotenpunkten wie dem Klotzscher Bahnhof regelmäßig vor der Nase wegfahren. Die Liste der Probleme und Anliegen ist lang. Die Veranstalter haben versucht, alle aufgekommenen Fragen und Beiträge zu erfassen und die bisherigen Antworten der Verantwortlichen zu dokumentieren.  Diese Liste soll ständig aktualisiert und ergänzt werden. Gerne können Sie uns auch weitere Fragen und Anregungen zum Thema schicken und uns auf weitere Problemsituationen des ÖPNV aufmerksam machen, wir werden sie in die Tabelle einarbeiten und die Veranstalter bitten, sich bei der Stadt und der DVB um Antworten und Lösungen zu bemühen.

Am 27.11.18 laden die Stadtratsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und der LINKEN um 19:00 Uhr im Stadtbezirksamt Klotzsche erneut zu einer Veranstaltung zum Verkehr im Dresdner Norden ein, diesmal zum Fahrradverkehr. Zu Gast sind Konrad Krause vom ADFC, Dirk Bräuer, Abteilungsleiter Verkehrsanlagenplanung im Stadtplanungsamt, sowie Prof. Reinhard Koettnitz, Leiter des Straßen- und Tiefbauamts. Auch bei dieser Veranstaltung können Sie ihre Fragen und Anliegen direkt mit den Verantwortlichen diskutieren.